"Menschenseelen Teil 3 -Afarit-"

ISBN: 978-3-7375-9041-9

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Prolog

 

Er würde nicht mehr kommen. Enttäuscht räumte sie alles ab. Schmiss das Essen in den Müll. Dabei hatte sie sich so viel Mühe damit gegeben. Stellte das Geschirr weg. Sie pustete die Kerzen aus und setzte sich an den Esstisch. Ihr Glas und die Flasche Wein, die sie zur Hälfte geleert hatte, standen noch da. Andrea goss sich etwas ein und leerte es in einem Zug. Sie spürte die Wirkung des Alkohols bereits.

 

Sie streifte die Pumps ab und ließ sie achtlos liegen. Diese Schuhe waren viel zu unbequem, was hatte sie sich dabei gedacht? Andrea lachte bitter über sich selbst. Wie hatte sie nur glauben können, dass es ein Mann wie Aidan ernst mit ihr meinen könnte? Sie war fast 15 Jahre älter als er und diese Jahre sah man ihr an. Sie war keine von diesen Frauen, die bis ins Alter makellos geblieben waren. Das Leben hatte seine Spuren hinterlassen. Und auch wenn sie sich eigentlich nicht alt fühlte, im Verhältnis zu einem 27-Jährigen war sie es eben doch.

Vor ein paar Wochen waren sie sich zufällig über den Weg gelaufen. Eine heiße Affäre hatte sich daraus entwickelt. Wenn sie in seinen Armen lag, ihm durch das dunkle Haar fuhr und in seine fast schwarzen Augen sah, vergaß Andrea, dass sie seine Mutter hätte sein können.

Sie kippte den Rest des Weines in ihr Glas und ging damit ins Schlafzimmer. Umständlich öffnete sie den Reißverschluss ihres Kleides. Als sie sich im Spiegel dabei beobachtete, kam sie sich albern vor.

„Das steht Ihnen absolut Bombe“, hatte die sehr junge Verkäuferin gesagt, bei der sie es gestern Nachmittag gekauft hatte. „Ich habs mir auch geholt.“

Ja Mädchen, dachte Andrea heute, nur bist du gerade mal 20, ich hingegen …

 

Gestern war sie euphorisch gewesen, als sie das neue, extrem enge und kurze schwarze Kleid nach Hause getragen hatte. Heute, hier vor dem Spiegel, holte sie die Realität ein. Andrea knüllte den Fetzen zusammen und schmiss ihn in den Müllkorb neben ihrem Schminktisch. Sie zog sich ein Longshirt über, wischte sich das Make-up und den roten Lippenstift aus dem Gesicht und band ihre Haare zu einem Pferdeschwanz.

Das war sie, stellte Andrea bei einem erneuten Blick in den Spiegel fest. Irgendwie fand sie sich jetzt nicht mehr so alt wie noch vor ein paar Minuten.

 

 

1. Kapitel

 

Die Tür wurde aufgestoßen und Danjal kam herein. Grußlos ging er an Jen vorbei, die von ihrer Zeitung aufschaute. Er suchte sich ein paar Sachen zusammen und verschwand im Badezimmer.

Nach Alins Tod war Danjal verschwunden und tagelang nicht aufgetaucht. Er hatte getötet, das wusste Jen genau und Elias sicherlich ebenso, aber keiner hatte etwas dagegen unternommen. Irgendwann hatte er dann wieder in der Tür gestanden.

Ihr Verhältnis zueinander hatten sie 'abgestellt'. Jenna hatte versucht mit ihm zu reden, er hatte abgeblockt. Auch über seine Schwester, oder eher Halbschwester, wollte er nicht sprechen.

In den Nächten verschwand er, Sie wusste nicht wohin, und vielleicht war es besser so.

 

Sie hatte mit Elias weiter an ihren Gaben gearbeitet. Bis heute wusste sie nicht, wie sie es angestellt hatte, Alin in der Tiefgarage zu töten und Danjal zu verletzen. Sie hatten sich auch auf die Suche nach Abkömmlingen gemacht, aber weder das eine noch das andere hatte zu etwas geführt. Bis auf das ungute Gefühl in Danjals Nähe und ab und zu der Hauch einer Ahnung, wenn sie die Straßen Berlins entlang ging, tat sich bei ihr nichts. Und sie war froh darüber, sie wollte es auch gar nicht.

 

Frisch geduscht, noch mit nassen Haaren, aber frischer Kleidung, kam Danjal aus dem Bad. Er setzte sich zu ihr und legte den Kopf auf den Tisch.

Jen schaute ihn an. „Müde?“

„Hmmm.“

„Lange Nacht gehabt?“

„Hmmm.“

„Willst du schlafen?“

Er hob seinen Kopf und in seinen Augen blitzte Feindseligkeit auf. Sie hatte diese Reaktion häufiger bei ihm beobachtet, seit sie seine Schwester getötet hatte.

„Wo denn?“ Er verzog das Gesicht.

Das Loft war denkbar ungeeignet für drei Personen. Es gab zwei Schlafzimmer, eins für Elias, eins für sie, Danjal kampierte auf dem Boden im Wohnbereich. Wäre alles anders gewesen, hätte sie gerne das Bett mit ihm geteilt, aber es war eben nicht anders.

 

Danjal stand auf und nahm sich einen Kaffee.

„Wo ist Elias?“ Er hielt die Tasse fest, ohne zu trinken.

„Im Refugium, ich werde mich dort nachher mit ihm treffen.“

„Ich kann dich fahren.“

Danjal ging ihr aus dem Weg, umso erstaunter war sie über sein Angebot.

Als sie ihren Umzug nach Rom vorbereitet hatte, hatte sie auch ihr Auto verkauft und sich bis heute kein Neues zugelegt. Danjal hingegen, der seinen Wagen in der Tiefgarage am Potsdamer Platz zurückgelassen hatte, hatte ihn umgehend ersetzt. Auch Elias hatte bereits einen neuen Pkw.

Sie nahm sein Angebot an, schließlich 'arbeiteten' sie ja zusammen und so war nichts Verwerfliches daran.

 

Elias hatte mit einer anderen Auserwählten einen Abkömmling ausgelöscht. Ein kleines Licht unter den Gesandten der Dämonen, ein simpler Betrüger. Die Frau war gar nicht so schlecht gewesen. Sie beherrschte ihre Gaben, ganz im Gegensatz zu Jenna. Aber IHN würde nur Jenna auslöschen können und dieses Ziel verfolgte Elias nach wie vor. Jen konnte oder wollte ihrer Bestimmung nicht folgen, sie musste aber. Auch im Kampf gegen die anderen Abkömmlinge wäre sie eine viel mächtigere Waffe als eine normale Auserwählte, von denen es zurzeit nur eine außer Jen gab.

Er hatte sich etwas ausgedacht, um sie aus der Reserve zu locken. Sein Plan war zwar mies, aber er sah keine andere Möglichkeit mehr.

 

„Manchmal habe ich das unbändige Verlangen einfach mit dir in das Refugium der Arsaten hinein zu spazieren.“ Danjal grinste. „Ihre Reaktionen wären sicher grandios.“

Jenna schaute zu ihm rüber und runzelte die Stirn.

„Was?“, fragte er unschuldig.

„Du bist unmöglich!“

Er hatte einen Scherz gemacht, das war ihr schon klar, hoffte sie zumindest.

Nicht unweit des Palais, hielt er in zweiter Spur an und ließ sie aussteigen.

„Soll ich mir einen Parkplatz suchen und auf dich warten?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich werde mit Elias zurückkommen.“

Er nickte, machte aber keine Anstalten wegzufahren.

 

Er beobachtete sie auf dem Weg zum Palais, in dem die 'Bruderschaft der Arsaten' ihren Unterschlupf hatte. Ein Mann lief die Straße entlang. Irgendwann würde er dort hineingehen und sie alle töten. Der Mann war fast auf gleicher Höhe mit Jen. Und er würde die Arsaten leiden lassen, wenn er sie tötete. Danjal sah Elias das Refugium verlassen. Er würde sich die Seelen der Jäger nehmen, eine nach der anderen. Elias rannte die Stufen herunter. Gut, wahrscheinlich war, dass er sie nicht töten würde, schließlich spielten sie jetzt im selben Team. Elias zog seine Waffe und schrie Jenna etwas zu.

Danjal runzelte die Stirn. Da stimmte etwas nicht. Der fremde Mann war stehen geblieben. Jen hatte ihren Schritt verlangsamt. Der Fremde wartete ab. Nun war sie bei ihm angelangt.

Danjal schnallte sich ab, stürzte aus dem Auto heraus, das war ein Abkömmling!

Er rannte auf die beiden zu. Der Abkömmling streckte seine Hand nach Jenna aus. Danjal hatte sie erreicht, wollte sich auf ihn stürzen.

Er hörte Elias rufen: „Danjal! Vorsicht!“ und sah, wie Jenna ihre Arme hob. Er duckte sich und spürte, wie eine Welle über ihn hinweg rollte, ihn nur ganz leicht streifte, den anderen aber erfasste und zu Boden warf. Danjal hob seinen Blick und beobachtete, wie der Abkömmling zuckend am Boden lag und starb.

Er richtete sich auf. Jen stand zitternd vor ihm. Elias beugte sich über den Toten, aus dessen Mund Blut lief, seine Augen starrten leer in den Himmel.

Danjal wusste nicht, weshalb er sich weggeduckt hatte, sie hätte jetzt sein Leben beenden können. Er hatte ihre Kraft gespürt und die war stärker gewesen, als im Parkhaus.

Aus Jenas Gesicht war sämtliche Farbe gewichen. Er musste sie nach Hause bringen und auf sie aufpassen.

 

Karl Brent, der Älteste der 'Bruderschaft der Arsaten' Berlins, wandte sich vom Fenster seines Büros ab und ging zum Schreibtisch. Dort nahm er den Hörer des Telefons und wählte eine dreistellige Nummer. Als am anderen Ende abgenommen wurde, sagte er: „Ich habe da etwas sehr Interessantes beobachtet. Komm vorbei!“, und legte auf.

 

Aidan war doch noch gekommen, viel zu spät, aber das war O.K. Sonderbar hatte er gewirkt und nach Rauch und Feuer gerochen. In seinen Augen hatte ein seltsamer Glanz gelegen. Aber gelächelt hatte er und sie zärtlich in den Arm genommen. Dann hatte er ihr ins Ohr geflüstert und gesagt, wie scharf sie aussähe. Andrea war rot geworden, war ihr doch bewusst gewesen, dass sie ihm ungeschminkt in einem Schlabbershirt gegenüberstand.

Er hatte sie hochgehoben und zum Bett getragen, ihr die wenige Kleidung regelrecht vom Körper gerissen und nicht gewartet, bis sie ihm die Hose hatte abstreifen können. Sie hatte mit ihm den aufregendsten Sex ihres Lebens gehabt. Spät war sie in seinen Armen eingeschlafen.

Nun stand Andrea in der Tür zum Schlafzimmer und beobachtete Aidan beim Schlafen. Im Hintergrund hörte sie die Musik aus dem Radio in der Küche. Er war unruhig gewesen, auch jetzt zuckte und stöhnte er leise auf. Sie wollte ihn nicht wecken. Andrea vermutete, dass er vielleicht krank werden würde, Fieber vielleicht. Sein Körper war unglaublich heiß gewesen. Bei ihrem Sohn, der bereits erwachsen war und eine eigene Wohnung hatte, hatte schlafen auch immer am besten geholfen.

Die zwölf Uhr Nachrichten! Gott war es wirklich schon so spät? Andrea ging zurück in die Küche und setzte sich.

... kam es gestern zu einem schweren Brand im Shine-Star-Club, einer Großraumdisco in Schöneberg …“

Schon wieder ein Brand. Andrea schüttelte den Kopf. In letzter Zeit gab es beinahe jede Nacht irgendwo ein Feuer. Vorzugsweise traf es Pkws, die einfach in Flammen aufgingen. Ein Kino war abgebrannt, ein Supermarkt und auch Treppenhausbrände hatte es gegeben. Die Polizei ging von Brandstiftung aus, obwohl nie ein Brandbeschleuniger oder so etwas gefunden worden war. Von den Tätern gab es keine Spuren.

Mit Schaudern verfolgte Andrea den Radiobericht. Es hatte viele Tote gegeben und unzählige Verletzte. Ihr Sohn ging auch ab und zu dorthin. Glücklicherweise war er gerade nicht in Berlin, sodass sie sich um ihn nicht sorgen musste. Aber die Eltern, die heute Nacht ihre Kinder verloren hatten, taten ihr leid.

Andrea schaltete das Radio aus und ging noch einmal zu Aidan. (...)