"Hinter der Lüge"

ISBN: 978-3-7375-9608-4

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1. Kapitel

 

Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Da stand dieser Typ nun schon wieder mit seinem Auto in ihrer Einfahrt. Anne überlegte, ob sie raus gehen und es ihm noch einmal klar machen sollte; das war ihre Einfahrt! Sie war noch zu keinem Entschluss gelangt, als Kathrin mit ihrem Wagen vor dem Nachbargrundstück anhielt. Wollte er das Haus etwa kaufen? Oh Gott, bitte nicht. Anne wusste wie schwer es Kathrin fiel dieses Objekt zu vermitteln. Niemand wollte es haben, auch nicht die Frau, die es bis vor wenigen Wochen zur Miete bezogen hatte. Aber bitte, bitte nicht dieser Typ.

Hinter der Gardine verborgen beobachtete sie, wie Kathrin aus ihrem Auto ausstieg und professionell, charmant lächelnd auf den Mann zulief. Sie begrüßten einander und gingen hinein. Anne blieb am Fenster stehen und wartete. Der Mann war schon einmal hier gewesen, hatte sich das Haus von außen angesehen und ihre Einfahrt zugeparkt. Als sie ihn auf sein Fehlverhalten aufmerksam gemacht hatte, hatte er nur frech gegrinst und gesagt sie solle sich nicht so aufregen, er würde ja schon wegfahren. Aufregen? Sie hatte sich nicht aufgeregt, hier ging es ums Prinzip, jawohl!

Fünfzehn Minuten später kamen die beiden wieder heraus. Kathrin strahlte noch immer ihr unechtes Maklerstrahlen. Wahrscheinlich hatte sie nun endlich jemanden für das Haus gefunden. Anne musterte den Mann aus der Sicherheit ihres Verstecks heraus. Er passte hier auf jeden Fall nicht her. Er trug ein schwarzes, verwaschenes T-Shirt, eine alte Jeans, braune Boots. Seine Arme waren komplett tätowiert, seine Haare etwas zu lang. Er wirkte irgendwie heruntergekommen. Er passte so gar nicht in dieses kleine Örtchen, die Leute würden reden, ganz sicher. In Berlin, wo sie die letzten Jahre gelebt hatte, da wäre er wohl nicht aufgefallen.

Kurz kam ihr der Gedanke, ob Alexej ihn geschickt haben könnte, sie verwarf ihn aber sofort wieder. Sie kannte die Leute, die die Drecksarbeit für ihn erledigten, viele von ihnen zumindest und er kam ihr nicht bekannt vor, was nichts heißen musste. Anne versuchte sich zu beruhigen. Alexej saß in Untersuchungshaft und trotz seiner Drohung sich an ihr zu rächen, glaubte sie, dass er sich das gut überlegen würde. Zum einen hatte sie vorgesorgt und das wusste er und zum anderen würde er doch bestimmt kein Risiko eingehen, wenn ihr etwas zustieß, würde man ihn als erstes in Verdacht haben und das war in seiner Situation nicht förderlich. Außerdem, so dachte sie, war der Mann da draußen viel zu auffällig.

Kathrin reichte ihm die Hand mit den frisch manikürten Nägeln, stieg in ihr Auto und fuhr davon. Er würde jetzt sicher endlich ihre ... nein, was tat er denn nun? Er holte eine Reisetasche aus dem Kofferraum, zwei Kartons und eine Rollmatratze und brachte alles nacheinander ins Haus. Bei seinem letzten Gang schaute er zu ihrem Haus herüber, genau in Richtung Fenster, hinter dem sie stand. Schnell ließ Anne die Gardine los. Ob er sie gesehen hatte?

 

Jan saß im Wohnzimmer auf dem Boden. Offiziell war er für ein Jahr in den Knast gewandert. Es war geplant, ihn danach wieder einzusetzen. Von diesem Jahr waren jetzt vier Monate vergangen. In diesen vier Monaten hatte er versucht in sein Leben zurückzukehren, er hatte es nicht geschafft. Er hatte sich ein Verfahren wegen Körperverletzung angelacht, welches dann zum Glück eingestellt worden war, sein Rücken hatte sich wieder vermehrt bemerkbar gemacht, nachdem er dort während eines Handgemenges einen Tritt abbekommen hatte, Nicki hatte ihre fünfjährige Beziehung, von der sie wegen seines Jobs die wenigste Zeit wirklich miteinander verbracht hatten, beendet und er hatte begriffen, dass sein Leben wohl einfach scheiße war. Und nun saß er in diesem Haus in einem Kaff in Ostholstein und sollte Babysitter für eine Frau spielen, die die Hauptbelastungszeugin in einem Prozess gegen einen einflussreichen und kriminellen, russischen Geschäftsmann war. Die Gute hatte sich geweigert bis zum Verhandlungsbeginn Polizeischutz in Anspruch zu nehmen und war abgetaucht.

Zwei Umzugskartons, ein Laptop, eine olle Wolldecke und eine Rollmatratze, mehr war von seinem Leben mit Nicki nicht übrig geblieben und in einer der Kisten befanden sich seine Klamotten. Die Matratze hatte er in das Schlafzimmer gebracht, dort lag sie auf dem Boden. Drei Kaffeebecher, vier Teller, ein Messer, drei Löffel und zwei Gabeln lagen in den Schränken in der offenen Küche. Eine Kaffeemaschine und eine dreckige Mikrowelle hatte die Vormieterin zurückgelassen. Sein Laptop stand im Wohnbereich auf einem der beiden Kartons, davor ein alter Gartenstuhl. Wie gemütlich, dachte Jan sarkastisch. Was für ein abgefucktes Leben! Er musste das alles wieder in den Griff bekommen. Erik, sein Schwager, war der Meinung der Job hier könne ihm dabei helfen. Er atmete tief durch. Es klopfte an der Tür.

 

Guten Tag, ich möchte gar nicht lange stören aber ich glaube ich habe Ihnen schon letztes Mal erklärt, dass das da drüben meine Einfahrt ist. Ich möchte Sie eindringlich bitten Ihren Wagen in Ihre eigene Auffahrt zu stellen.“

Anne schaute ihn an. Er stand barfuß, in Jeans und Shirt vor ihr. Seine Haare waren zerzaust und er war nicht rasiert. Er sagte gar nichts und das ärgerte sie maßlos.

„Wären Sie dann vielleicht so freundlich den Wagen wegzufahren?“

Er verunsicherte sie. Anne blickte ihm trotzdem stur in die Augen und stellte fest, dass er einen ganz leichten Silberblick hatte. Schließlich nickte er, drehte sich um, zog seine Schuhe an und nahm den Autoschlüssel, der auf einem Karton lag. Ohne die Tür zu schließen, ging er an ihr vorbei. Er parkte sein Auto in der Auffahrt, die zu seinem Haus gehörte. Das war gar nicht so leicht, denn inmitten dieser befand sich ein riesengroßes Schlagloch. Als er zurückkam, hatte er ein Grinsen auf den Lippen.

„Tschuldigung, wird nicht mehr vorkommen ma´am“, sagte er, ging ins Haus und schloss die Tür vor ihrer Nase.

Anne japste nach Luft. Wie frech! Ma´am? Unglaublich! Sie wusste gar nicht, was sie dazu sagen sollte.

 

***

 

So ein Mist! Es war Montagmorgen und der kleine Parkplatz war total voll, warum musste gerade jetzt der ganze Ort und alle Touristen hier einkaufen? Anne kurvte zum x-ten Mal durch die Reihen. Sie hatte es eilig, in einer halben Stunde hatte sie einen Termin mit einem Kunden, der so lange dauern würde, dass sie anschließend keine Gelegenheit mehr haben würde noch etwas einzukaufen. Heute Abend hatte sie eine Freundin zum Essen eingeladen und sie brauchte unbedingt noch ein paar Dinge.

Da, da war eine Lücke. Anne setzte an, gab ein wenig Gas, blinkte und wollte einparken, als ein anderer Wagen an ihr vorbeischoss und sich in eben diese Parklücke stellte. Sie trat auf die Bremse. So eine Unverschämtheit! Der Fahrer musste doch gesehen haben, dass sie da rein wollte. Er hatte ihr ganz dreist den Platz geklaut. Anne ließ die Seitenscheibe herunter und steckte den Kopf hinaus. „Hallo?!“, rief sie.

Sie konnte einen Mann hinter dem Steuer erkennen, der sich abschnallte.

„Hallo?!“, versuchte sie erneut auf sich aufmerksam zu machen.

Der Mann stieg aus und schloss seinen Wagen ab. Unglaublich! Der Parkplatzdieb war ihr neuer Nachbar und er reagierte gar nicht auf sie, sondern ging einfach in Richtung Supermarkt. Anne schnallte sich ab und sprang aus dem Auto.

„Hallo Sie“, rief sie noch einmal, „ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass ich hier gerade einparken wollte? Sie haben mir meinen Parkplatz weggenommen!“

Sie war richtig wütend.

Er blieb nicht stehen, sondern drehte sich im Gehen um und rief ihr zu: „Tschuldigung“, und grinste dabei.

Anne fand sein Verhalten unerhört.

 

Endlich hatte sie alles, was sie benötigte. Beim Bäcker holte sie sich noch schnell einen Coffee to go. Sie musste sich beeilen zu ihrem Termin zu kommen. Anne balancierte ihre Einkäufe und den Becher mit dem Kaffee und suchte gleichzeitig in ihrer Handtasche nach dem Autoschlüssel. Plötzlich prallte sie gegen jemanden. Der Kaffee schwappte aus dem Pappbecher und ergoss sich über das Shirt des anderen. Ach du großer Gott! Erschrocken blickte sie auf und starrte in die bernsteinfarbenen Augen mit dem leichten Silberblick. Sie hatte den Mund eigentlich schon für eine Entschuldigung geöffnet, brachte aber nun keinen Ton heraus. Sie glaubte er würde schimpfen, sie hätte es zumindest getan, stattdessen schaute er sie nur völlig erstaunt an, dann blickte er an sich herab und wieder zu ihr. Seine Hand fuhr an seine Brust. Der Kaffee war sicher ziemlich heiß gewesen.

„Entschuldigung“, murmelte Anne und huschte an ihm vorbei, hinaus aus dem Laden und zu ihrem Auto.

 

Der Termin hatte sogar noch länger gedauert, als sie gedacht hatte. Müde und kaputt, schmiss sie ihren Hausschlüssel in die Schale in der Diele, zog ihre Schuhe aus und ihre Jacke und verstaute beides ordentlich im Garderobenschrank. Schnell ging sie nach oben ins Schlafzimmer und zog sich etwas Bequemes über. Ihre Haare steckte sie zu einem Knoten zusammen. Anne ging wieder hinunter, um in der Küche die Vorbereitungen für das Abendessen zu treffen, sie hatte nicht mehr all zu viel Zeit.

Sie begann das Gemüse zu waschen und zu schneiden. Während sie die Aubergine bearbeitete, schaute sie zum Küchenfenster hinaus. Sie konnte sowohl vom Wohnzimmer als auch von der Küche aus den Eingang zum Haus ihres Nachbarn sehen. Er saß auf den Stufen, die hinauf auf eine kleine Veranda führten, und trank ein Bier. Es tat ihr immer noch leid, dass sie ihm den heißen Kaffee über den Körper geschüttet hatte und gleichzeitig machte er sie so wütend, dieser ungehobelte Kerl!

Die Sonne tauchte bereits alles in ein warmes, rotes Licht, aber es war noch warm. Kurz überlegte sie, ob sie das Essen auf der Terrasse einnehmen sollten, verwarf den Gedanken aber wieder, weil sie nicht wollte, dass sie für ihn auf dem Präsentierteller saßen. Würde sie auch nach der Verhandlung ganz hier bleiben, würde sie wohl eine Hecke an der Grundstücksgrenze setzen lassen müssen.

 

Ob sie wusste, dass er sie sehen konnte? Die Frau saß in der Küche, hatte das Licht an und aß zu Abend. Jan nahm einen letzten Zug von seiner Zigarette und trat sie aus. Er hatte nicht viel Lust in das Haus zu gehen, da war nichts. Nicki hatte immer dafür gesorgt, dass ihr Heim gemütlich war. Sie und die Kinder hatten es lebendig gemacht. Wenn er dann mal nach Hause kommen konnte, war es ihm beinahe schon kitschig und übertrieben erschienen, jetzt wünschte er sich nur ein ganz kleines Stück dieser „Friede, Freude, Eierkuchen“ Dekoration. Aber es war vorbei und wahrscheinlich war es auch gut so. Sie hatten ihm viel bedeutet, Nicki und ihre beiden Kinder, aber sie waren sein Hafen gewesen, nicht sein Leben und das hatte Nicki gewusst.

Jan zündete sich eine weitere Zigarette an und fasste sich mit der Hand an den Rücken. Es würde wohl Regen geben, seine Verletzung machte sich bemerkbar und das tat sie, wenn sich das Wetter änderte.

 

Anne räumte das Geschirr in den Geschirrspüler, schmiss den Rest des Essens in den Müll, wischte den Tisch und die Arbeitsflächen gründlich ab und war ziemlich deprimiert. Ihre Freundin hatte kurzfristig abgesagt, es sei etwas dazwischen gekommen, hatte sie gesagt, toll! Etwas anderes war also wichtiger gewesen. Es fiel Anne schwer Kontakte zu knüpfen und sie hatte sich gefreut, als ihre alte Schulfreundin sich mit ihr hatte treffen wollen. So hätte sie hier vielleicht ein wenig Anschluss gefunden.

Anne löste den Knoten in ihrem Haar und die blonden Locken fielen auf ihre Schultern. Das Band steckte sie in die Hosentasche, dann öffnete sie die Terrassentür und trat hinaus. Sie schloss kurz die Augen und atmete die kühle, angenehme Luft des Landes ein. Sie glaubte sogar die nicht weit entfernte See riechen zu können. Eine Welle des Wohlbefindens schwappte durch ihren Körper. Hier war sie zu Hause.

Das gute Gefühl verflog, als sie die Augen wieder öffnete und mitbekam, dass ihr Nachbar, der immer noch vor seinem Haus saß, zu ihr herüber starrte. Als er bemerkte, dass sie ihn entdeckt hatte, grinste er, mal wieder, und prostete ihr mit seiner Bierflasche zu. Wütend drehte sie sich um und stapfte zurück ins Haus, schloss die Terrassentür und zog die Gardine vor. Er vermieste ihr den schönsten Augenblick, den sie seit langem gehabt hatte.

 

***

 

Das Eiscafé am Markt wurde immer noch von demselben italienischen Ehepaar betrieben wie in ihrer Kindheit und Jugend. Anne hatte Paolo, den Inhaber, schon damals als mürrisch empfunden und auch das schien sich nicht geändert zu haben, ebenso wenig wie die Bestuhlung im Außenbereich. Die weißen Plastiktische und Stühle luden eigentlich nicht zum Verweilen ein, aber Paolo hatte das beste original italienische Eis auf der ganzen Welt. So war sie vor ihrem nächsten Termin schnell dort hin, um sich einen Espresso und zwei Kugeln Eis zu gönnen.

Man musste hier am Tresen bestellen und auch gleich bezahlen, die Sachen wurden an den Tisch gebracht. Das Café war gut besucht und sie suchte sich einen Platz etwas abseits. Ihr Stuhl und auch der Tisch waren noch nass vom Regen, der die Nacht über und auch am Vormittag heruntergegangen war. Anne holte ein paar Tücher aus ihrer Tasche heraus und wischte, mehr notdürftig, alles trocken. Als sie sich setzte, fiel ihr Blick auf einen Mann, der ganz in der Nähe saß, ihr Nachbar. Sie verdrehte die Augen, war er denn überall?

Übellaunig stellte Paolo ihren Espresso und das Pistazieneis hin, und noch bevor sie ihm danken konnte, war er auch schon weg und räumte einen Tisch weiter das schmutzige Geschirr ab.

Anne wollte gar nicht zu ihm herüberschauen, aber sie musste. Ihr Nachbar zog ihren Blick magisch an. Er hatte einen Laptop vor sich stehen und schaute auf den Bildschirm. Sie trank einen Schluck und widmete sich ihrem Eis. Es grauste ihr schon vor dem Kundentermin. Sie mochte so etwas nicht, mochte nicht so gerne auf fremde Menschen treffen von denen sie so gut wie nichts wusste. Das war auch der Grund gewesen, weshalb sie den Job bei Alex angenommen hatte, die Klientel war überschaubar gewesen, nämlich Alex, und die Menschen, mit denen sie zusammenarbeiten musste, ebenso. Dafür waren die Folgen unerfreulich gewesen.

Paolo ging an den Tisch ihres Nachbarn. Sie unterhielten sich miteinander und der Eiscafébesitzer tat etwas von dem sie dachte er könne es gar nicht, er lachte herzlich. Das Gespräch war offensichtlich sehr amüsant. Anne löffelte weiter ihr Eis und bemühte sich krampfhaft den Blick nicht von der länglichen, beigen Waffel abzuwenden, die in ihrer Schale lag. Und sie tat es doch. Sie starrte zu dem Mann herüber, ihre Blicke trafen sich. Er nickte ihr zu und wieder, dieses Grinsen! Anne trank ihren Espresso aus, würgte den Rest ihres Eis hinunter und verließ Hals über Kopf das Café.

 

Jan fuhr ihr hinterher, mit genügend Abstand, sodass sie es nicht bemerkte, er sie aber auch nicht aus den Augen verlor. Die Fahrt ging nach Stockelsdorf, wo sie vor einem Einfamilienhaus parkte und dann mit einer Laptoptasche und einigen Ordnern unter dem Arm klingelte und hineingelassen wurde. Jan stellte sich mit seinem Wagen ein Stück entfernt hin und beobachtete das Haus.

Nach zwei Stunden kam sie wieder heraus, verabschiedete sich von einem Mann und stieg in ihr Auto ein. Als sie losfuhr, folgte er ihr nicht. Er wusste sie würde nach Hause fahren und um nicht unnötig ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ließ er ihr einen Vorsprung.

 

Anne saß auf der Terrasse, mit einem Glas Wein, und bereitete den morgigen Arbeitstag vor. Eigentlich hatte sie das Prinzip, dass sie, wenn sie Feierabend hatte, nicht mehr arbeitete, sich auch nichts mit nach Hause nahm. Das hier war eine Ausnahme. Der heutige Kunde hatte ihr einen ungeordneten Stapel Rechnungen, Quittungen und andere Papiere überreicht, das erleichterte ihr ihre Arbeit als Steuerberaterin nicht gerade. Für die Zukunft hatte sie ihm erklärt, wie er seine Unterlagen zu ordnen hatte, damit eine reibungslose und zügige Bearbeitung möglich war.

Sie schaute auf, als sie das Motorengeräusch eines Autos hörte. Ihr Nachbar kam nach Hause. Hoffentlich verbrachte er den Abend nicht so wie gestern, vor dem Haus auf seiner Veranda oder auf der Treppe. Er grüßte sie und ging hinein. Gott sei Dank!, dachte Anne, um kurz darauf wieder hinauszukommen und sich auf die Treppe zu setzen, mit einer Zigarette in der Hand. Er schaute zu ihr herüber. Wütend packte Anne ihre Sachen zusammen, dann würde sie eben drinnen weiterarbeiten, und das, wo der Abend so wunderschön war.

Als sie im Begriff war ins Haus zu gehen, kam er an die Grundstücksgrenze heran.

„Hast du Lust mit mir was zu trinken?“, rief er ihr zu.

Anne drehte sich zu ihm um.

„Warum sollte ich“, fragte sie pikiert, dabei rutschten ihr ein paar Papiere aus dem Arm und fielen zu Boden. Sie legte die anderen Sachen auf dem Gartentisch ab und bückte sich um sie einzusammeln.

 

Da die beiden Grundstücke nicht durch einen Zaun, sondern nur durch die Einfahrten voneinander getrennt waren, war es für Jan ein leichtes zu ihr hinüber auf die Terrasse zu gehen. Er hockte sich neben sie und half ihr beim Aufheben.

„Was machen Sie da?“, fuhr sie ihn an.

Er ließ die Hände sinken und schaute sie an.

„Dir helfen.“

„Warum?“

„Weil ich nett bin?!“

Sie lachte auf. „Ich glaube eher, Sie sind aufdringlich!“

„Aufdringlich?“

Sie nickte. „Egal wo ich bin, Sie sind auch da, zum Beispiel vorhin in dem Eiscafé.“

Nun lachte er. „Willst du behaupten ich verfolge dich“, fragte er, sie blieb ihm eine Antwort schuldig, starrte ihn nur mit ihren himmelblauen Augen an.

Jan stand auf, sie ebenfalls, und er drückte ihr die Zettel in die Hand, die er aufgehoben hatte.

„Ich verfolge dich nicht. Ich war bereits in dem Café, als du kamst. Und ich entschuldige mich vielmals, dass ich die Dreistigkeit besessen habe dich auf einen Drink einladen zu wollen. Ich dachte nur, dass es vielleicht nett wäre, nach einem etwas holprigen Anfang, um besser miteinander auszukommen, aber ich glaube du hast daran kein Interesse.“ Und er ging.

 

Frechheit! Er hatte sie einfach geduzt! Sie kannten einander doch gar nicht. Das ließ nicht auf eine gute Kinderstube schließen.

 

*** 

 

Anne hatte schlecht geschlafen und das hatte sich den ganzen Tag über bemerkbar gemacht. Herr Sanders hatte sie darauf angesprochen, gefragt ob alles O.K. mit ihr sei und sie sogar früher nach Hause geschickt.

Sie war freiberufliche Steuerberaterin, arbeitete aber im Büro des Endfünfzigers, der seine Kunden mit ihr teilte, weil er etwas kürzertreten wollte, und dafür einen kleinen Teil ihres Honorars erhielt. Er war ein freundlicher aber sehr resoluter Mann.

Es gab zwei Gründe, weshalb die Nacht so schlecht gewesen war, einerseits machte sie sich Sorgen wegen Alexej, andererseits hatte sie darüber nachgedacht, was ihr Nachbar gesagt hatte. Er hatte es nett gemeint und sie war halt einfach sie gewesen. Anne war anderen Menschen gegenüber sehr kritisch, ein Wunder, dass Alex sich für sie interessiert hatte und sie beide eine Beziehung miteinander geführt hatten. Er war der weltgewandte und charmante Geschäftsmann und er war nicht nur schlecht, er hatte auch gute, freundliche Seiten, die die Schlechten letztendlich jedoch nicht wettmachten.

Auf dem Weg nach Hause hielt sie am Supermarkt und kaufte eine Flasche Wein, Bier mochte sie nicht.

 

Als Anne an der Tür ihres Nachbarn klopfte, eine Klingel konnte sie nicht finden, hämmerte ihr Herz wie wild in der Brust. Er öffnete und war offensichtlich sehr erstaunt sie zu sehen. Anne hob ihre Hand, in der sie die Flasche hielt, und nahm all ihren Mut zusammen.

„Ich wollte, das von gestern, Ihr Angebot“, stotterte sie und wurde rot, weil sie sich über sich selber ärgerte.

Er schaute sie nur an, dann schien er zu bemerken, wie unangenehm ihr die Situation war.

„Komm rein.“

Er trat zur Seite, sodass sie vorbei konnte. Ohne ein Wort schloss er die Tür.

Schweigend standen sie einander gegenüber, Anne wusste nicht, was sie sagen sollte.

Schließlich deutete er auf die Flasche in ihrer Hand und sagte: „Willst du die trinken oder einfach nur festhalten?“

„Trinken“, antwortete sie und er ging in die Küche.

Sie beobachtete ihn, wie er zwei Kaffeebecher aus einem Schrank nahm und auf den Tresen stellte. „Ich habe nichts anderes, hoffe die sind O.K.“

Nein waren sie nicht, sie hatte einen ziemlich guten Wein gekauft und den trank man nicht aus Kaffeebechern, sondern aus angemessenen Weingläsern. Anne schluckte diese Antwort herunter, wenn er nichts anderes hatte, waren die wohl in Ordnung, sie nickte. Während er eine Schublade nach der anderen aufzog, schaute sie sich unauffällig um. Karg eingerichtet wäre noch übertrieben formuliert, er hatte nichts. Auf einem Umzugskarton stand ein Laptop und davor ein alter Gartenstuhl.

„Ich habe keinen Korkenzieher“, sagte er.

Anne drehte sich zu ihm um. Der Mann stützte sich auf den Tresen und schaute sie geknickt an. „Warte“, sagte er plötzlich und verschwand in die obere Etage.

Anne fühlte sich unbehaglich. Sie schaute sich weiter um, aber es gab nichts mehr zu sehen. Zum Glück kam er recht bald wieder zurück. In der Hand hatte er ein Schweizer Taschenmesser. Mit dem Korkenzieher öffnete er die Flasche und goss den Rotwein in die Tassen.

„Ich würde dich ja bitten Platz zu nehmen, aber wie du siehst …“ er deutete in den Raum. „Lass uns auf die Veranda gehen“, schlug er vor.

 

Sie setzten sich auf die Treppe, die auf die Veranda führte und Anne sah, dass er sich sehr wenig von dem Wein eingegossen hatte. Sie trank einen Schluck, er stellte die Tasse nur neben sich. Worüber sollte sie sich mit ihm unterhalten? Sie schienen Welten zu trennen.

„Werden Sie das Haus kaufen?“, fragte sie, da sie glaubte das wäre recht unverfänglich.

Er schüttelte den Kopf. „Nein, nur mieten. Ich weiß nicht einmal, ob ich hier bleiben werde, es lohnt sich nicht. Außerdem ist es ziemlich klein“, antwortete er und sie musste feststellen, dass seine Stimmfarbe sehr angenehm war, das war ihr bisher nicht aufgefallen.

Anne runzelte die Stirn.

„Wäre größer denn wichtig? Ich meine, ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber all zu viel Möbel und andere Sachen scheinen Sie nicht unterzubringen zu haben.“

„Nein, das habe ich wirklich nicht.“

Ein unangenehmes Schweigen entstand und Anne überlegte, ob er ihr die Bemerkung übel genommen haben könnte. Vielleicht hatte er ja nicht so viel Geld um sich hier ein schönes Heim einzurichten. Sie nahm noch einen Schluck von dem Wein.

„Wie lange wohnst du schon hier?“, fragte er.

„Ein paar Wochen. Ich bin hier groß geworden, dann aber weggezogen. Jetzt bin ich zurückgekehrt.“

„Warum? Hat es dir nicht gefallen wo du warst?“

Sie wollte nicht darauf antworten, wollte nicht zu viel von sich erzählen, sie musste vorsichtig sein. „Hier fühle ich mich wohl“, antwortete sie daher.

 

Sie hatten nicht mehr lange beisammengesessen, und als Anne wieder in ihrem Haus war und die Treppe zum Schlafzimmer hinauf ging, wurde ihr bewusst, dass sie keine Ahnung hatte, wie ihr Nachbar hieß und, dass er sie wieder die ganze Zeit geduzt hatte. (...)