"Die Grauen Krieger Teil I: Suche"

ISBN: 978-3-7375-9609-1

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Prolog

 

Die beiden Männer setzten sich in die letzte Reihe auf die Bank. Die Kirche war klein und nicht gut besucht, was in dieser gottlosen Gegend nicht verwunderlich war. Sie würden keine Aufmerksamkeit erregen, dafür hatten sie gesorgt. Sie beobachteten den jungen Priester, der den Gottesdienst abhielt. Er stand vor dem Altar und las einen Abschnitt aus der Offenbarung. Die beiden alten Frauen in der ersten Reihe lauschten andächtig.

 

Der eine beugte sich zu dem anderen herüber.

„Bist du sicher, dass er einer von uns ist?“, flüsterte er.

„Habe ich mich jemals geirrt?“, gab der andere ungehalten zurück.

„Nein, das hast du nicht.“ Trotzdem blieb er skeptisch, irgendetwas irritierte ihn, er lehnte sich an die hölzerne Bank und beobachtete. Dann neigte er sich wieder dem anderen zu. „Er ist sehr jung, weiß er Bescheid?“

„So viel und so wenig wie die Meisten. Er ahnt, dass etwas nicht mit ihm stimmt, und versucht es zu bekämpfen. Ich beobachte ihn schon einige Jahre, aber erst jetzt habe ich erkannt, wer er war. Wir sollten keine Zeit verlieren, er könnte uns verloren gehen.“

Der andere nickte. „Ich werde einen Bewahrer zu ihm schicken.“

Die beiden Männer standen auf und verließen die Kirche, es war, als wären sie nie dort gewesen.

 

 

1. Kapitel

 

Er hasste es die Beichte abzunehmen, er konnte es kaum ertragen. Ein älterer, dicker Mann saß neben ihm im Beichtstuhl, der Priester kannte ihn.

Vater ich habe gesündigt“, säuselte der.

Erzähle mir davon.“ Diese Kopfschmerzen! Er versuchte sie zu ignorieren und fuhr sich mit der linken Hand an die Schläfe.

„Ich habe eine Affäre mit einem jungen Mädchen. Sie könnte meine Tochter sein, sie ist so wunderschön und ich kann ohne sie nicht mehr leben. Ich begehre sie und dabei ist sie noch minderjährig. Ich denke jede Minute an sie, an ihren Körper, ihre festen Brüste, an ihre strammen Schenkel.“ Der Mann hielt inne und zog die Luft durch die Zähne ein, er gab ein widerliches Glucksen von sich. „Ihr duftendes Haar …“

Dem Priester wurde übel. Was er fühlte und sah, ließ Zorn in ihm aufsteigen und er bemühte sich dem Drang zu widerstehen diesem ekelhaft pädophilen Kerl den Hals zu brechen. Der Schmerz, den er verspürte, versuchte er zu unterdrücken und so sprach er mit fester und eindringlicher Stimme: „Du wirst dieses Verhältnis sofort beenden und dann gehst du zur Polizei und zeigst dich selbst an!“

Der Mann nickte, faselte: „Danke Vater“, stand auf und ging. Der Priester schloss kurz die Augen, als er sie wieder öffnete, saß der nächste Sünder an seiner Seite. Ihm kam nicht zum ersten Mal der Gedanke, wie seltsam es war, dass die Kirche bei fast jedem Gottesdienst so gut wie leer war, die Beichte jedoch lockte den Abschaum an wie das Licht die Motten.

„Pater ich bitte Sie, vergeben Sie mir meine Sünden. Ich habe meine Frau geschlagen. Ich wollte das nicht, aber manchmal treibt sie mich zur Raserei und nun ist mir die Hand ausgerutscht. Es tut mir so leid.“

Lügner! Elender Lügner! Verdammt sollst du sein! Hämmerte es in seinem Kopf. Der Priester neigte sich dicht an das Gitter, das ihn von dem Mann trennte. In ihm stieg die Gewissheit auf, dass er zu einer anderen Zeit nicht gezögert hätte, doch er flüsterte: „Geh nach Hause, packe deine Sachen und verlasse deine Familie. Kehre nicht wieder zu ihnen zurück oder ich werde dafür sorgen, dass du nie wieder deine Hand gegen sie erheben kannst.“

Er musste aufhören mit der Scheiße, es würde ihn irgendwann umbringen. Er war eh ein jämmerlicher Priester und sein Glaube war nicht so fest, wie er sein sollte, das hatte er bewiesen. Er musste versuchen sich unter Kontrolle zu halten, nicht in ihren Geist einzudringen und es schien, als würde es funktionieren. Zwei Frauen kamen und beichteten und er wusste nicht einmal, was sie gesagt hatten oder was er geantwortet hatte und nun schien es, als würden seine Qualen ein Ende haben.

Gerade wollte er den Beichtstuhl verlassen, als eine junge Frau eintrat und sich setzte.

Mit zarter Stimme sprach sie: „Pater ich habe gesündigt. Ich habe mich in einen Mann verliebt, den ich nicht lieben darf.“

Er schluckte und lehnte sich vor. „Du sollst nicht mehr herkommen, wie oft soll ich dir das noch sagen?“, flüsterte er.

Das Mädchen kicherte. „Aber Vater, ihr könnt doch nicht so herzlos sein eine arme Sünderin einfach so wegzuschicken“, antwortete sie kokett.

Er versuchte in sie einzudringen, es gelang ihm nicht. Es war ihm noch nie gelungen und er wusste nicht wieso. Sarah war anders, wieso? Wieso war er anders?

„Bitte“, er flehte fast, „geh!“

„Ich liebe dich, ich begehre dich“, flüsterte sie verführerisch.

„Sarah bitte, ich habe einen Fehler gemacht, es tut mir leid, bitte geh!“

Sie erhob sich und trat aus dem Beichtstuhl, dann kam sie zu ihm herum und öffnete den Stoffvorhang, hinter dem er saß. Sie schaute ihn an und ihre kristallblauen Augen glänzten im Schein der Kerzen, die in der Nähe brannten. Auch er erhob sich nun und stand ihr gegenüber. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und ihre weichen, vollen, tiefroten Lippen näherten sich seinem Ohr.

„Ich liebe dich!“, hauchte sie küsste ihn dann leidenschaftlich auf den Mund. Er ließ es geschehen, erwiderte ihren Kuss sogar, zögernd, dann leidenschaftlich, sie erregte ihn. Unsanft löste er sich von ihr und schob sie von sich weg.

„Sarah warum tust du mir das an?“ Er schüttelte den Kopf und blickte zu Boden. „Geh jetzt!“ Er wandte sich von ihr ab. „Es ist vorbei mit uns. Ich darf das nicht und ich will das nicht, begreife das endlich.“ Er sprach mit fester Stimme, hatte sich nun nach außen hin zumindest gefangen. „Geh und komm nie wieder!“, sagte er etwas lauter.

Mit großen Augen schaute sie ihn an und öffnete den Mund. Sie zitterte leicht. Sie wollte etwas sagen, senkte dann jedoch den Blick und wandte sich zu gehen, dann drehte sie sich noch einmal zu ihm um.

„Das wirst du bereuen!“, zischte sie verächtlich, die Augen zu Schlitzen verengt.

Sie verließ die Kirche und die Abenddämmerung schien sie zu verschlucken.

Eine Straße weiter stieg sie in einen dunklen Wagen, der mit laufendem Motor auf sie gewartet hatte.

 

Der junge Priester schaute sich in der Kirche um, ihm war der Gedanke gekommen, dass jemand ihr Gespräch mit angehört haben könnte, doch die Bänke waren leer. Sein Kopf schien zu platzen, diese Schmerzen! Er musste weg von hier, ihm war so übel. Schnell zog er sich um, löschte die Lichter und verließ das Gebäude, es war nicht weit bis zum Pfarrhaus.

 

„Oh mein Gott Pater, was ist mit Ihnen geschehen?“ Maria, seine Haushälterin, öffnete die Tür und bei seinem Anblick bekreuzigte sie sich. Eine dumme Angewohnheit, die für sie eigentlich nichts bedeute. Es hatte angefangen zu regnen und er war nass geworden. Sie zog ihn in den warmen Flur und schloss die Tür, dann nahm sie ihm den Mantel ab um ihn zum Trocknen auf einen Bügel vor die Heizung zu hängen.

„Sie sehen grauenvoll aus, als wäre Ihnen der Leibhaftige persönlich begegnet. Gehen Sie hoch und duschen Sie heiß, ziehen Sie sich etwas Warmes über. Ich mache Ihnen eine Hühnerbrühe. Na los, los!“

Sie schob ihn beinahe liebevoll zur Treppe und ohne ein Wort verschwand er in die obere Etage. Maria ging in die Küche. Sie drehte die Heizung höher und nahm einen Topf aus dem Schrank, in den sie etwas von ihrer Hühnerbrühe gab, und stellte ihn auf die Herdplatte. Sie würde den Jungen schon wieder aufpäppeln, es war ihr bisher immer gelungen. Dieser Ausdruck in seinen Augen, das, was sie in ihnen gesehen hatte, gedankenverloren rührte sie die Suppe um. Sie mochte den jungen Priester. Er wirkte so einsam und sie empfand für ihn fast wie für eines ihrer eigenen Kinder, die alle schon so groß waren und ihre eigene Familie hatten. Sie sollte auf ihn aufpassen und das tat sie, gerne sogar. Es war jetzt fast ein Jahr her, seitdem man sich an sie gewandt hatte, mit der Bitte sich bei dem jungen Geistlichen als Haushälterin zu bewerben. Sie sollte ihn beobachten und unterstützen, soweit sie konnte. Sie wusste über alles Bescheid, über fast alles und wusste was er tatsächlich zu sein schien. Mittlerweile war sie sich sicher, dass sie mit ihrer Vermutung recht hatten, das hatte sie ihnen bei ihrer letzten Unterredung auch gesagt. Natürlich hielt sie Stillschweigen, sie war ihnen treu ergeben, schließlich war ihr Vater auch schon ein Geheimnisträger gewesen. Erst hatte sie Zweifel gehabt, ob sie die Stelle überhaupt bekommen würde. Sie war schon 67 Jahre und nicht mehr die Schnellste aber die Fähigkeiten derer, für die sie arbeitete, waren nicht zu unterschätzen und so hatte sie ihre Stellung als Haushälterin angetreten. Sie hatte ein Auge auf diesen Mann, der von so vielem noch nichts ahnte. Manchmal schaute sie auch weg und das war gut so.

Ein lautes Poltern von oben riss sie aus ihren Gedanken. Maria zog den Topf von der Herdplatte und so schnell ihre alten Beine es vermochten stieg sie die Treppe hinauf, atemlos. Im Schlafzimmer des jungen Priesters angekommen sah sie, was geschehen war. Er hockte mit weit aufgerissenen Augen an der Wand neben dem Bett, die Nachttischlampe war heruntergerissen worden und lag am Boden. Der Junge schien sie nicht wahrzunehmen. Er saß da, hatte die Beine angewinkelt, die Haare waren noch nass und der Oberkörper nackt, er hatte eine Jeans an, sein Pullover lag neben ihm. Sein Körper bebte, Blut lief aus seiner Nase, seine Augen waren leer, schnell senkte sie den Blick. Sie ging etwas näher an ihn heran, aber er reagierte nicht, als sie ihn ansprach. Er war in einer anderen Ebene und sie wusste, dass sie vorsichtig sein musste.

Maria verließ eilig das Zimmer, ging zum Telefon und zog einen kleinen Zettel aus ihrer geblümten Kittelschürze, den sie vom ersten Tag an bei sich hatte. Sie wählte die Nummer, die darauf stand. Es klingelte viermal, bis abgenommen wurde und sich eine tiefe Stimme meldete. „Ja?“

„Guten Abend Pater Nathan, hier ist Maria.“ Dann wartete sie schweigend ab.

Stille herrschte auch am anderen Ende der Leitung, dann sprach der Mann. „Maria, Sie sind die Haushälterin von …“ Sie unterbrach ihn. „Ja das bin ich. Ich glaube, der Pater braucht Hilfe. Er ist zusammengebrochen und nicht ansprechbar.“

„Dann sollten Sie vielleicht einen Notarzt holen und nicht mich anrufen“, erwiderte der Mann schroff.

„Pater ich glaube, ein Notarzt ist nicht das was wir hier brauchen, bitte kommen Sie.“

Ein Zögern, dann schien der Mann endlich verstanden zu haben. „Ich bin in zehn Minuten bei Ihnen. Rühren Sie ihn nicht an und bleiben Sie von ihm fern. Ich beeile mich.“ Ein Klicken, die Verbindung war unterbrochen.

 

Der junge Priester litt unerträgliche Qualen. Er sah Dinge, von denen er gehofft hatte, sie nie wieder sehen zu müssen. Teilweise waren sie bereits in seinen Träumen aufgetaucht, doch jetzt sah er alles und zum ersten Mal schien er zu verstehen, was er sonst vermutet hatte und versucht hatte zu verdrängen.

 

Pater Nathan kniete sich zu dem jungen Mann und schaute ihn an. Maria war in der Tür stehen geblieben. Er drehte sich zu ihr um und bedeutete ihr den Raum zu verlassen. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, zog er seinen Mantel aus und nahm den Hut ab. Er legte die Sachen auf einen Stuhl und krempelte sich die Ärmel hoch. Mit seiner linken Hand berührte er die Brust des Jungen und murmelte dabei: „So mein Freund, nun werden wir versuchen deiner Seele ein wenig Erleichterung zu verschaffen.“

Er schloss die Augen und Hitze durchlief seinen Körper, fast sofort strömte eine Abfolge von Bildern auf ihn ein und Empfindungen.

 

Ein korpulenter Mann mittleren Alters sitzt auf einem Sofa. Neben ihm ein junges Mädchen, fast noch ein Kind. Seine Hand liegt auf ihrer Brust, mit der Anderen hält er ihre Hand fest und zwingt sie sein Glied zu reiben. Das Mädchen weint stumm vor sich hin.

Ein Mann schlägt seine Frau. Er prügelt immer wieder auf sie ein, als sie am Boden liegt tritt er ihr in den Bauch.

Eine Frau, die im Bett eines jungen Mannes liegt. Sie streichelt sanft über seine nackte Brust, dann nimmt sie ihren Ehering vom Finger und schmeißt ihn in die Ecke.

 

Der Blickwinkel änderte sich:

Feuer, überall ist Feuer! Der junge Mann spürt die sengende Hitze auf seinem Körper. Er sieht zu einem Mädchen herab, das neben einem Priester steht und mit Tränen in den Augen zu ihm schaut. Seine Lippen formen tonlos die Worte: Verzeih mir! Die Flammen fressen sich durch seine einfache Kleidung.

Ein Feld, groß und weit, der Himmel ist verhangen durch dunkle Gewitterwolke. Viele Tote liegen am Boden, der mit Blut durchtränkt ist. Ein Mann, ein Krieger, steht inmitten der Leichen. Er ist voll des roten Lebenssafts. Er hält sein Schwert noch in den Händen und schreit seinen Schmerz und seine Wut gen Himmel.

Das Dorf brennt, der junge Krieger schaut sich nicht um, er geht mit großen Schritten weiter, seine Augen lodern wie das Feuer der Hölle.

Eine junge Frau in einem weißen Gewand winkt ihm zu und lacht. Sie rennt ihm entgegen und fällt ihm um den Hals, sie küsst ihn leidenschaftlich. Dunkle Schatten umgeben ihn.

 

Nochmals änderte sich der Blickwinkel, aus dem Pater Nathan die Szenen sah:

Der Priester trägt die Insignien der Inquisition, er starrt lächelnd auf einen Mann, der vor Schmerzen schreit, während die Flammen nach dem geschundenen Körper greifen.

Ein Mann, der um sein Leben rennt, sein Verfolger holt ihn ein und bricht ihm mit einer schnellen Bewegung das Genick.

Eine wunderhübsche Frau mit strahlend blauen Augen sitzt rittlings auf dem jungen Priester. Ihre Leiber vereinen sich im Schein der Kerzen, die auf dem Altar stehen. Ihre nackten Körper glänzen vor Schweiß. Sie bewegen sich rhythmisch und atmen schwer. Die Frau wirft den Kopf in den Nacken, sie leckt sich verführerisch die Lippen.

 

Pater Nathan zwang sich aus der Flut der Bilder aufzutauchen. Es fiel ihm schwer. Der junge Priester hielt seinen Geist fest, doch er musste sich lösen sonst würde es gefährlich für ihn werden. Er schaffte es und war erleichtert. So viel Schmerz hatte er nicht erwartet und das war sicher nur ein kleiner Teil von dem, was der andere in sich trug. Nathan war bewusst, dass diese Prozedur nur eine geringe Erleichterung verschaffen würde, aber so konnte den jungen Mann aus der Anderen Ebene wieder herausziehen in die er hineingezogen worden war, weil er seine Fähigkeiten nicht beherrschte. Nicht mehr und noch nicht wieder. Die Abgründe dieser Seele waren so tief, so tief wie vielleicht auch seine Eigenen.

Der junge Priester spürte, wie er an die Oberfläche der Realität gezogen wurde. Er kam zu sich und öffnete die Augen. Schwer atmend und nach Luft ringend saß er da und schaute in das Gesicht eines Fremden.

„Na, bist du wieder unter uns?“

Er kannte die Stimme und als er sich ein wenig gesammelt hatte erkannte er auch den Fremden, Pater Nathan, ein älterer Priester, dem er während seines Studiums begegnet war. Der Junge strich sich mit der Hand über das Gesicht.

„Was ist geschehen?“ Die Worte kamen ihm nur schwer über die Lippen, sein Mund war so trocken. Sein Gegenüber reichte ihm eine kleine Flasche, aus der er vorher selbst noch einen Schluck nahm. Der junge Priester roch daran und setzte sie an den Mund. Er trank und es schmeckte widerlich, er musste würgen.

Nathan lächelte. „Was geschehen ist, fragst du? Nun ich denke darüber müssen wir uns gleich noch in Ruhe unterhalten. Wasch dir das Blut aus dem Gesicht, ich warte unten auf dich.“

Der Ältere erhob sich, nahm seinen Mantel und den Hut und verließ das Zimmer.

 

Als er die Küche betrat, goss Nathan sich gerade etwas aus seiner Flasche in eine Tasse, die vor ihm stand. Maria verließ den Raum ohne ein Wort. Der junge Priester setzte sich ihm gegenüber und schaute ihn an. Er war nun komplett angezogen und fror nicht mehr. Es ging ihm besser. Sein Kopf hatte aufgehört zu schmerzen und er schien sein inneres Gleichgewicht wieder erlangt zu haben.

„Hübsche Kleine, die du da hast“, stellte der Ältere fest ohne ihn anzusehen.

„Was hast du getan?“ Der jünger ignorierte die Bemerkung, sein Ton war scharf, er wollte eine Erklärung.

„Nun komm mal ein wenig runter, ich habe dir gerade nur einen Gefallen getan.“ Er nahm noch einen Schluck, dann schaute er dem Jungen in die Augen. „Warum bist du Priester geworden?“ Er klang sehr ernst.

Der andere schwieg und hielt dem Blick stand, seine Augen funkelten bedrohlich.

„Was hast du mit mir gemacht?“

„Ich habe deiner Seele ein wenig Erleichterung verschafft. Ich habe dir ein wenig Last genommen und dich nebenbei vor dem Wahnsinn gerettet.“

„Was soll das? Was redest du da?“

„Beantworte meine Frage, warum bist du Priester geworden?“ Der Ältere hob die Augenbrauen.

„Es geht dich eigentlich nichts an, aber ich bin Priester geworden, weil ich glaube, dass es meine Bestimmung ist, weil ich Gott dienen will.“

Der Ältere lachte verächtlich auf. „So ein Blödsinn! Ich frage dich nochmals, warum?“

Der junge Mann wurde wütend, er bemühte sich, seinen Zorn zu zügeln.

„Es war sehr nett von dir, dass du mir geholfen hast, aber ich glaube es ist an der Zeit, dass du gehst.“

„Ich werde nicht gehen, ich habe eine Aufgabe zu erfüllen. Ich werde dir helfen. Beantworte endlich meine Frage! Wir sind uns ähnlicher als du glaubst. Ich weiß, was du bist und ich werde dafür sorgen, dass du verstehst und dein Schicksal annimmst.“

Der Junge verspürte eine große Macht, die von dem Mann ausging und plötzlich hatte er das Gefühl, als müsse er antworten.

„Verdammt!“ Er schlug mit der Faust auf den Tisch und erhob sich. Sein Stuhl fiel krachend um. „Ich bin Priester geworden, weil ich hoffte, es würde was an den Dingen ändern, die mir Tag für Tag und Nacht für Nacht widerfahren. Weil ich es nicht mehr ertragen konnte, Dinge zu sehen, die ich nicht sehen wollte. Dinge zu sehen, die mir das Leben unerträglich machen. Weil ich niemanden mehr manipulieren wollte nur mit der Kraft meines Willens. Weil ich alles, was in mir ist, nicht verstanden habe und es nicht kontrollieren kann. Weil ich dachte, es macht mich normal.“

„Und hat es geholfen?“ Pater Nathan schien unbeeindruckt von dem Ausbruch seines Gegenübers.

„Nein“, antwortete der Junge leise.

Er hob den Stuhl wieder auf, setzte sich und senkte den Blick.

„Du kannst dich nicht vor dir verstecken oder unterdrücken, was du bist, du musst deine Bestimmung erkennen und sie annehmen.“ Der Ältere sprach ruhig.

„Ich werde einen Weg finden ein normales Leben zu führen.“ „Ich habe in deinen Geist geschaut und ich weiß über dich Bescheid aber du musst erkennen und annehmen.“

„Nein, ich weiß, dass es nicht richtig ist.“ Der junge Priester schien fast trotzig.

„Sage mir, dass Du in diesem Leben noch nicht getötet hast und ich akzeptiere, dass du doch nicht der bist, für den ich dich halte.“

Eine Pause entstand. Keiner sagte ein Wort und das einzige Geräusch, das zu hören war, war der Regen, der gegen die Scheiben der Fenster klatschte.

„Das kann ich nicht“, durchbrach der Junge plötzlich die Stille und seine Worte hallten in seinem Kopf wieder.

Pater Nathan lächelte und nickte. „Du bist, was du bist und das kannst du nicht ändern, weder dadurch, dass du ein Mann Gottes wirst noch dadurch, dass du dich vor deinem eigenen Ich verschließt. Wenn du das nicht akzeptierst, wird es dich umbringen.“

„Ich kann es nicht.“ Der Junge flüsterte die Worte.

„Es gibt Leute, die dir helfen können, die sind wie ich“, er machte eine kurze Pause, „die so sind wie du.“

„Alles klar, ich danke dir nochmals für deine Hilfe, aber ich halte es für besser, wenn du jetzt gehst.“ Der Junge hatte genug. Er erhob sich und auch Pater Nathan stand auf und griff nach seinem Mantel. Sie gingen zur Tür, der Ältere drehte sich auf der Schwelle noch einmal um.

„Junge, du weißt, dass du ganz sicher kein Mann Gottes bist und dann musst du auch sehen, dass es für dich keinen anderen Weg gibt als diesen einen. Wir sehen uns.“

Der Pater stellte den Kragen seines Mantels auf, zog sich den Hut tief ins Gesicht und verschwand in die Nacht.